Die Grenzen in den Köpfen

Wattenmeer bei Keitum/ Sylt
Das Wattenmeer bei Keitum/ Sylt
© CC BY-SA 3.0

Wenn man Regionen unterschiedlicher Länder vergleicht, muss man stets auch deren Besonderheiten betrachten. „Insbesondere im Hinblick auf Grenzen, nicht überall haben die Menschen etwa identische Vorstellungen, wenn es um die Grenzen von Natur- und Küstenschutz geht“, sagt Cormac Walsh von der Universität Hamburg. Der Geograph vergleicht Planungsprozesse beim Küstenmanagement in Deutschland, den Niederlanden und Dänemark. Die drei Länder arbeiten an der Wattenmeerküste seit fast 40 Jahren auf internationaler Ebene eng zusammen. Walsh will jedoch lokale Entscheidungen in diesen Ländern analysieren, um kulturell bedingten Grenzziehungen zwischen Natur und Kultur, Küste und Meer, Deich und Vorland aufzuspüren. Die DFG unterstützt sein Vorhaben „Metageographien und räumliche Rahmungen: Küstenmanagement als situierte Praxis in der internationalen Wattenmeer-Region“ seit 2016 mit einer Sachbeihilfe.

Wie deutlich sich die Untersuchungsräume unterscheiden, zeigt ein einfacher Vergleich: Im dänischen Nationalpark Wattenmeer nördlich der Insel Sylt gibt es viele kleine Projekte, die primär wirtschaftliche Ziele verfolgen, während in den Niederlanden Natur nicht nur geschützt sondern auch weiterentwickelt wird. „Beides wäre in Deutschland unvorstellbar“ sagt Walsh, „denn die Natur soll sich im Wattenmeer ungestört entfalten.“ Wie kann es zu derart unterschiedlichen Umgangsformen mit dem Wattenmeer kommen und welche kulturhistorischen Ursachen könnten sie haben? „In Deutschland musste die Umweltschutzbewegung Nationalparks erkämpfen. Um die Natur zu schützen, sind dort Eingriffen enge Grenzen gesetzt worden,“ so Walsh. Solche unterschiedlichen Grenzziehungen hängen aus seiner Sicht eng mit den verschiedenen politischen Kulturen zusammen. So ist die lokale Bevölkerung in Dänemark beispielsweise deutlich stärker an Entscheidungen beteiligt als in Deutschland – so eine Beteiligung könnte in Deutschland Konflikte um den Naturschutz entschärfen.

Im Kern geht es Walsh um räumliche Vorstellungen, die Entscheidungsprozesse beeinflussen. „Es gibt in unseren Köpfen Grenzen, die es erschweren, alternative Konzepte für das Wattenmeer in Betracht zu ziehen: Deiche zu öffnen, um dem Meer Spielraum zu gewähren, ist derzeit undenkbar“, so der Geograph. Genau solche oftmals vorgefertigten Vorstellungen interessieren ihn: „Grenzen in den Köpfen führen zu Grenzen, die nicht nur sehr unterschiedlich sein können, sondern draußen an den Küsten des Wattenmeers sehr deutlich zu sehen sind.“ Seine Erkenntnisse, die er vor allem aus Interviews mit regionalen Entscheidungsträgern gewinnt, könnten dazu beitragen, dass bewährte lokale Praktiken in internationalen Strategien für Küstenmanagement berücksichtigt werden. Das könnte auch helfen, die Grenzen in den Köpfen aufzulösen.

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© 2010-2018 DFG Aktualisierungsdatum: 14.11.2017Sitemap  |  Impressum  |  Datenschutzerklärung  |  Kontakt  |  RSS Feeds

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