Krankheitsfaktor Lärm

Die Forscherinnen und Forscher um Henrik Brumm spielen Jungvögeln in einem schallisolierten Labor Verkehrslärm vor und beobachten ihre Gesangsentwicklung.
Die Forscherinnen und Forscher um Henrik Brumm spielen Jungvögeln in einem schallisolierten Labor Verkehrslärm vor und beobachten ihre Gesangsentwicklung.
© A. Griesch

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Eine Herausforderung ist das Leben in der Großstadt: Millionen Deutsche nehmen den alltäglichen Verkehrslärm kaum noch wahr. Doch wer dauerhaft Lärm ausgesetzt ist, leidet oft unter erhöhtem Blutdruck und Schlafstörungen. Auch die Risiken für Schlaganfall und Herzinfarkt steigen.

„Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich in der EU 200.000 Menschen an lärm­induzierten Krankheiten“, sagt Henrik Brumm vom Max-Planck-Institut für Ornithologie im bayerischen Seewiesen. Der Biologe, seit 2013 Heisenberg-Stipendiat der DFG, beschäftigt sich seit Jahren mit Lärm und untersucht die Auswirkungen auf das Verhalten von Vögeln – insbesondere in urbanen Räumen. „Da wissen wir inzwischen schon eine ganze Menge, beispielsweise, dass Vögel in Städten lauter singen und auch früher am Morgen anfangen als ihre Artgenossen auf dem Land“, erklärt der Ornithologe. So erhöhen sie die Chancen, einen Paarungspartner zu finden und ihr Revier zu verteidigen.

Nun konzentriert sich Brumm auf „Verhaltensphysiologische Effekte von Verkehrslärm auf Vögel“. 2016 bewilligte die DFG ihm für das Forschungsvorhaben eine zweijährige Stipendien­verlängerung und eine Sachbeihilfe. „Wir wissen, dass sich das Verhalten der Tiere in Städten ändert, wir kennen aber nicht die Mechanismen, die dafür verantwortlich sind“, erläutert Brumm. Entsprechende Erkenntnisse hätten aber Konsequenzen für den Naturschutz; damit ließen sich beispielsweise Wildtiere besser schützen. Langfristig erhofft sich die Forschergruppe um Brumm einen Mehrwert für die Menschen: „Wenn Vögel als Modellorganismus dienen, um lärminduzierte Krankheiten zu untersuchen, können wir unser Wissen nutzen, um solche Erkrankungen beim Menschen besser zu verstehen“, sagt Brumm.

Erste Resultate der Forschergruppe beziehen sich auf die Zellalterung. Bekannt ist, dass die endständigen Sequenzen auf den Chromosomen, die sogenannten Telomere, mit der Lebenserwartung zusammenhängen: Je kürzer die Telomere, desto geringer die Lebenserwartung. Chronischer Stress wie Lärm verkürzt die Telomere – beim Menschen genauso wie beim Vogel.

Die Forscherinnen und Forscher haben Zebrafinken in einer schallisolierten Voliere Verkehrslärm aus München vorgespielt. „Deutlich wurde, dass sich die Telomere in einer bestimmten Phase der Jugendentwicklung dramatisch verkürzen“, so Brumm. Damit lässt sich auf physiologischer Ebene, nämlich auf der Ebene der Chromosomen, eine Vorhersage treffen, dass die Tiere früher sterben als Artgenossen, die ohne Lärmbelastung aufwachsen. Verkehrslärm führt demnach dazu, dass die Lebenserwartung der Vögel sinkt. „Das Beispiel zeigt, dass chronische Stressbelastung für den einzelnen Vogel ein Nachteil ist, der dazu führen könnte, dass sich die Tiere weniger häufig fortpflanzen können“, so Brumm. „Eine solche Entwicklung könnte in lärmbelasteten Gebieten verheerende Auswirkungen für gesamte Populationen haben.“

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