Ballungsraum Heuneburg

Auch die Ausgrabungen auf der Heuneburg geben Einblick in die Lebenswelt einer vergangenen Gesellschaft. Über fünf bis sechs Generationen hinweg kam dem frühkeltischen Fürstensitz auf der Schwäbischen Alb eine bedeutende Rolle zu: Von etwa 620 bis 450 v. Chr. war die Heuneburg eines der frühesten stadtartigen Zentren nördlich der Alpen. Dann erlosch das Siedlungsleben wieder. Die Wissenschaft erkannte die wichtige Rolle der Heuneburg schon in den 1950er-Jahren. Seither machten Archäologinnen und Archäologen den Ort zu einem der am besten erforschten Orte seiner Zeit. Bisher konzentrierte sich ihre Arbeit aber vor allem auf die Burg selbst.

„So hat man sich sprichwörtlich auf die Spitze des Eisbergs gestürzt, dabei aber die Basis des Ganzen ausgelassen“, erklärt Dirk Krausse. Der Esslinger Archäologe möchte das im Rahmen eines DFG-geförderten Langfristvorhabens ändern, dessen Fortsetzung 2016 bewilligt wurde: Krausse und seine Kolleginnen und Kollegen erforschen ländliche Siedlungen und bäuerliche Strukturen im Umland der Heuneburg. Dabei konnten sie bereits eine zentrale Annahme widerlegen: Offenbar hat sich die Heuneburg doch nicht im Zuge eines Zentralisierungsprozesses aus mehreren kleinen, regionalen Zentren gebildet. „Das lässt sich mit den empirischen Daten, die wir auch auf anderen Höhenbefestigungen erhoben haben, nicht mehr halten“, erklärt Krausse.

Nun ist das vorrangige Ziel der Forscherinnen und Forscher, die genauen Zusammenhänge zwischen der Hauptsiedlung und den Versorgungsstrukturen im Ballungsraum zu erforschen. „Das ist eine wichtige Fragestellung, der erstmals in Deutschland systematisch nachgegangen wird“, sagt Krausse. Seit Projektauftakt hat das Esslinger Forscherteam schon einige aufsehenerregende Entdeckungen gemacht: Ungewöhnliche architektonische Bauten deuten beispielsweise auf internationale Einflüsse hin. So habe man um 600 v. Chr. auf der Heuneburg mit luftgetrockneten Lehmziegeln gebaut, also wie in Vorderasien und Teilen der Iberischen Halbinsel. „Zudem konnten wir bei den Ausgrabungen im Umfeld der Heuneburg monumentale Befestigungsmauern aus Stein freilegen, die ebenfalls in der Zeit um 600 vor Christus entstanden sind“, so der Archäologe. „Das ist die älteste Steinarchitektur Süddeutschlands.“

Dirk Krausses Forschungen auf der Heuneburg sollen noch bis 2026 andauern: „Bis dahin wollen wir ein noch lebendigeres Bild dieser sicherlich sehr dynamischen Gesellschaft gewinnen.“ Das Mosaikstück, das sich aus seinen Erkenntnissen ergibt, soll dann auch klarer zeigen, wieso die frühkeltischen Machtzentren im 5. Jahrhundert v. Chr. letztlich zugrunde gegangen sind.

Natürlich können solche Erkenntnisse aus der Vergangenheit nicht direkt auf heutige Entwicklungen übertragen werden. Doch je vollständiger das Mosaik ist, das aus ihnen rekonstruiert werden kann, desto bessere Hinweise geben sie auch darauf, welche sozialen und politischen Konstellationen historische Umschlagpunkte waren, an denen der innere oder äußere Druck auf eine Gesellschaft zu umstürzenden Veränderungen führte.

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