Mosaik der Geschichte

Während sich einige geförderte Projekte mit aktuellen Veränderungen der Gesellschaft auseinandersetzen, blicken andere zurück. Eine Sachbeihilfe, deren Fortsetzung 2016 bewilligt wurde, bringt beispielsweise dramatische gesellschaftliche Umbrüche vor rund 3000 Jahren ans Licht: die „Ausgrabungen in der nordwestlichen Unterstadt von Tiryns“ in Griechenland. Projektleiter Joseph Maran von der Universität Heidelberg meint: „Lässt man historische Beispiele Revue passieren, können sie eine Art Mosaik ergeben, das dann in der Zusammenschau möglicherweise etwas über Fehlentwicklungen menschlicher Gesellschaften preisgibt.“

Die Grabungen des Teams sollen ein solches Mosaikstück freilegen: Im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts und in Zusammenarbeit mit dem griechischen Antikendienst der Argolis rekonstruieren sie die Lebensweise und kulturellen Praktiken in der antiken Stadt Tiryns nach dem Ende der mykenischen Palastherrschaft um das Jahr 1200 v. Chr. Die Unterstadt von Tiryns eignet sich dazu laut Maran besonders gut, denn sie entstand planmäßig nach der umfassenden Zerstörung des Palastes: In einem Kulturkollaps fanden die meisten mykeni­schen Herrschaftszentren um 1200 v. Chr. ein gewaltsames Ende. „Danach entwickelte sich nur Tiryns für ein paar Generationen gegen den Strom der Geschichte und erlitt im Vergleich zu den anderen Zentren weit weniger einen Niedergang“, erklärt Maran.

Im späten 13. Jahrhundert v. Chr., noch kurz vor der umfassenden Zerstörung, hatten die Herrscher in und um Tiryns beeindruckende Baumaßnahmen ausführen lassen: Unter enormem Aufwand wurde ein Fluss um die Stadt herumgeleitet, um die zuvor üblichen Überschwemmungen zu verhindern und Bauland zu erschließen. Die Archäologen fanden auf den trockengefallenen Flusssedimenten auch Hinweise auf neue, nach dem Fall des Palastes durchgeführte ehrgeizige Bauprojekte, die an die palastzeitlichen Bauplanungen anzuknüpfen scheinen. Für die Archäologen ist der Fund daher besonders aufschlussreich: „Weil es keine Vorbebauung gab, konnten die Menschen dort so bauen, wie sie sich ideales Wohnen vorstellten“, sagt Maran. Die Befunde erlauben damit einzigartige Erkenntnisse über die damalige Architektur. Außerdem lassen mikroarchäologische Untersuchungen von Überresten aus Herdstellen oder Kochgefäßen Rückschlüsse auf die damaligen Lebenswelten zu.

Die bisherigen Erkenntnisse deuten Maran zufolge auch an, wie sich die Gesellschaft in und um Tiryns nach dem Kulturkollaps gewandelt hat: „Es gibt Hinweise darauf, dass die Herrschaft in der Nachpalastzeit weit weniger zentralisiert und stärker umstritten war als zuvor.“ Aufgrund der Funde lässt sich vermuten, dass die Mächtigen zur Durchsetzung ihres Willens weniger auf Gewalt und stattdessen stärker auf Überzeugungskraft gesetzt haben. „Demokratische Zeiten waren das aber trotzdem keineswegs.“ Die schwächere Absicherung der Macht habe möglicherweise zu einem größeren Konfliktpotenzial in der Gesellschaft geführt.

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