Konflikte besser verstehen

Das Gefühl der Ausgrenzung oder Benachteiligung kann Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen auslösen. Aber was genau macht einen solchen Konflikt aus? Bernd Simon und sein Team untersuchen diese Frage seit einigen Jahren im Rahmen eines laufenden Reinhart Koselleck-Projekts. Mit seiner Forschung will der Kieler Sozialpsychologe herausfinden, ob man Konflikte zwischen Gruppen als Kämpfe um Anerkennung verstehen kann: „Dabei geht es uns um eine ganz bestimmte Form der Anerkennung, nämlich um jene, die auch Respekt oder Achtung genannt wird.“

Den theoretischen Rahmen für Simons Arbeit bilden die Begriffe „Kollektive Identität, Respekt und Macht“, die sich auch im Projekttitel wiederfinden. „Man kann sich das in etwa wie ein Dreieck vorstellen, das auf der Spitze steht“, erläutert Simon. Unten steht die Gruppenidentität, dar­über stehen sich Respekt und Macht gegenüber. Diese Schlüsselbegriffe spielen bei der Analyse von Anerkennungskämpfen eine zentrale Rolle: Einerseits setzen Gruppen ihre kollektive Identität als Machtressource für den Kampf um Respekt ein. Denn kollektive Identitäten beinhalten immer Verpflichtungen und Verhaltenserwartungen an die Gruppenmitglieder und dienen so deren kollektiver Mobilisierung. Andererseits verleihen gesellschaftlich respektierte kollektive Identitäten insbesondere Minderheiten soziale Macht und fungieren so als wichtiges Gegengewicht zur Übermacht von Mehrheiten.

Respekt ist damit unabdingbar für echte Toleranz, also für Toleranz, die über eine bloße Duldung hinausgeht, die willkürlich wieder aufgekündigt werden kann. „Das heißt übrigens nicht, dass man die Andersartigkeit einer Gruppe zwangsläufig gut finden muss“, sagt Simon. „Im Gegenteil: Man kann sie durchaus weiterhin ablehnen.“ Toleranz stehe vielmehr dafür, eine Minderheit trotz ihrer Andersartigkeit als gleichwertig zu respektieren. Fehlt es an dieser Toleranz, erfahren die Betroffenen Missachtung; ihr Bedürfnis nach Respekt führt schließlich dazu, politisch aktiv zu werden. Das gilt zumindest dann, wenn sie sich als Teil der Gesamtgesellschaft verstehen. „Toleranz ist also im Grunde die Anerkennung des Anderen als ‚andersartiger Gleicher‘, Politisierung der Kampf darum, als ‚andersartiger Gleicher‘ anerkannt zu werden“, so Simon.

Nach den Erkenntnissen aus Simons Studien prägt dieses Streben nach Anerkennung viele Konflikte stärker als das Streben nach Überlegenheit. Mithilfe von Surveys, Labor- und Onlineexperimenten hat der Kieler Forscher unter anderem Teilgruppen untersucht, die sich über ihre islamische Religion oder ihre Homosexualität definieren. „Dabei haben wir immer ganz bewusst nach dem Motto ausgesucht, dass sich das Allgemeine im Besonderen zeige“, erklärt Simon. Die Untersuchungen bestätigten, dass beide Gruppen gesellschaftliche Anerkennung als „andersartige Gleiche“ suchen. „Bei aller sonstigen Besonderheit sind sie in dieser Hinsicht psychologisch doch aus dem gleichen Holz geschnitzt“, berichtet Simon.

Eine besonders interessante Situation bietet sich den Kieler Forscherinnen und Forschern nun in den Vereinigten Staaten. Dort hatten sie noch vor der Präsidentschaftswahl Mitglieder der Tea Party befragt. „Damals hatten wir nicht damit gerechnet, dass Trump die Wahl gewinnt“, erinnert sich Simon und blickt nun gespannt der kommenden Befragungswelle entgegen. „Das ist deshalb so interessant, weil diese Gruppe als einstige Minderheit nun in eine Machtposition gelangt ist.“ Denn mit CIA-Chef Mike Pompeo hat Trump sogar einen Anhänger der Bewegung in sein Regierungskabinett berufen. Die Frage ist also: Führen die neuen Machtverhältnisse dazu, dass die Mitglieder der Tea Party nun weniger tolerant gegenüber anderen Minderheiten werden? Die bisherige Toleranz wäre dann als bloße Duldungstoleranz entlarvt.

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