Vertrauen in Journalismus

Viele Menschen haben offenbar nicht nur das Vertrauen in die Politik verloren, sondern auch in gesellschaftliche Institutionen – allen voran die klassischen Medien. In einem 2016 eingerichteten Forschungsprojekt an der Universität Hohenheim in Stuttgart untersucht Wolfgang Schweiger die Gründe. „Die Frage, die unserer Arbeit zugrunde liegt, ist ganz schlicht, ob wir das zurückgehende Vertrauen in den Journalismus in bestimmten Teilen der Bevölkerung mit der neuen Art der Kommunikation in den sozialen Medien erklären können“, erläutert er.

Zwei aktuelle Beobachtungen haben den Kommunikationswissenschaftler dazu bewegt, das Projekt „Vertrauen in Journalismus im medialen Strukturwandel“ zu initiieren: Erstens erkenne man in den vergangenen Jahren in den USA, aber auch in Deutschland eine wachsende Medienskepsis in Teilen der Bevölkerung. Zweitens habe sich die Art der Nutzung von Nachrichten und Informationen in den sozialen Medien stark verändert. Ein aktuelles und inzwischen viel diskutiertes Symptom dieser Entwicklung seien sogenannte „Fake News“, die oft schlichtweg falsche Darstellungen von Ereignissen sind. Das große Problem laut Schweiger: „Ein normaler Mensch ist heute kaum mehr in der Lage, einen einzelnen Nachrichtenbeitrag hinsichtlich seines Wahrheitsgehalts oder seiner Ausgewogenheit zu beurteilen.“

Das Team um Schweiger will diese beiden Beobachtungen nun systematisch erforschen. Um herauszufinden, wie sehr die sozialen Medien zur wachsenden Skepsis gegenüber dem Journalismus beitragen, setzen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dabei unterschiedliche Methoden ein. Sie befragen Bürgerinnen und Bürger zu ihrer Wahrnehmung des Journalismus, zu ihren Erwartungen an die Medien, aber auch zu ihren Kompetenzen beim Nachrichtenkonsum.

„Dazu sprechen wir mit normalen Leuten, zum Teil auch mit den immer wieder beschriebenen ‚Wutbürgern‘ und Menschen, die sich selbst als medienskeptisch bezeichnen“, sagt Schweiger. Eine breit angelegte Onlinebefragung ergänzt die Interviews und soll die Einsichten auf eine repräsentative Basis stellen.

Vor der Onlinebefragung nimmt das Forschungsprojekt „Vertrauen in Journalismus“ zudem die Medien selbst in den Fokus. Im Gegensatz zu den bisherigen Studien auf diesem Gebiet beziehen Schweiger und seine Kollegen dabei nicht nur die klassischen journalistischen Medien ein, sondern auch politische Comedy, Satiresendungen sowie die reichweitenstärksten Social-Media-Profile von Politikern und die wichtigsten alternativen Angebote und Blogs – also beispielsweise auch erkennbar interessengetriebene populistische Medien wie „Russia Today Deutsch“, das „Compact“-Magazin oder „Kopp Online“.

„Wir vermuten, dass viele Bürger sehr irritiert davon sind, wenn Ereignisse in den journalistischen Mainstream-Medien und in alternativen Medien auf unterschiedliche Weise dargestellt werden“, so Schweiger. Das könne bei mancher und manchem den Verdacht erwecken, die Mainstream-Medien würden lügen oder zumindest nicht die ganze Wahrheit sagen und sie so in ihrem Eindruck bestärken, Journalisten hätten sich mit den anderen gesellschaftlichen „Eliten“ gegen die einfachen Bürgerinnen und Bürger verschworen – eine Wahrnehmung, die das Gefühl der Ausgrenzung oder Benachteiligung dieser Mediennutzer wahrscheinlich verstärke.

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