Einzelförderung

„Hauptsache Spur“– Afrikanische Buschleute untersuchen französische Steinzeithöhlen

Das Projekt „Tracking in Caves“ führt erstmals westliche Archäologie mit afrikanischer Fährtenlese-Kunst zusammen / Neue Erkenntnisse über das Leben in der Steinzeit

Das Tracking in Caves-Team: Andreas Pastoors, C/wi Kxunta, Megan Biesele, Tsamkxao Ciqae, Jean Clottes, C/wi G/aqo De!u, Tilman Lenssen-Erz, Robert Bégouën
Das Tracking in Caves-Team: Andreas Pastoors, C/wi Kxunta, Megan Biesele, Tsamkxao Ciqae, Jean Clottes, C/wi G/aqo De!u, Tilman Lenssen-Erz, Robert Bégouën
© Tracking in Caves

Was verraten menschliche Spuren in Steinzeithöhlen über das Leben und die Kunst zu jener Zeit? Um diese Frage nicht nur aus der Sicht westlicher Wissenschaft zu beantworten, haben Dr. Tilman Lenssen-Erz von der Forschungsstelle Afrika an der Universität Köln und Dr. Andreas Pastoors vom Neanderthal Museum in Mettmann zusammen mit namibischen Fährtenlesern Höhlen in den französischen Pyrenäen erkundet. In dem DFG-geförderten Projekt wollten sie herausfinden, ob sich über die Kunst der Steinzeitmenschen dort mehr sagen lässt, wenn die Umgebung in die Interpretationen einfließt. Es war ein Versuch mit offenem Ausgang. Doch die Ergebnisse überzeugten: Die Methodik der namibischen Fährtenleser, der San, förderte Erkenntnisse über die Menschen aus der Alt-Steinzeit zu Tage, die der Wissenschaft mit jeglichen bisher angewandten westlichen Methoden verborgen geblieben waren. Und die Entdeckungen gingen sogar noch darüber hinaus: Bisherige Annahmen konnten anhand von eindeutigen Indizien widerlegt werden.

Das Projekt ist das erste, bei dem Archäologen, beziehungsweise überhaupt Wissenschaftler mit westlicher Denk-, Lebens- und Herangehensweise mit indigenen Partnern zusammengearbeitet haben. Zum ersten Mal haben kompetente Spurenleser die Abdrücke in den Höhlen mit steinzeitlichen Felsmalereien untersucht und analysiert. Zuvor hatten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sie lediglich vermessen – eine Methode, die schnell an ihre Grenzen stößt. Für die Fähigkeit des Menschen, Fährten zu interpretieren, war bisher kein Platz im westlichen Wissenskanon. Besonders interessant ist für Lenssen-Erz und Pastoors deswegen die indigene Methodik der San, mit der sie bei der Erschließung der Spuren vorgehen und mit welch hochspezifischem Wortschatz der Entscheidungsfindungsprozess abläuft. „Die Methoden sind viel genauer und bringen umfangreiche und eindeutige Ergebnisse im Vergleich zu den bisher getätigten Messungen“, fasst Lenssen-Erz zusammen.

Nicht nur in der wissenschaftlichen Community sondern auch in den Medien traf das Projekt auf große Aufmerksamkeit. So begleitete ein Team des Fernsehsenders Arte die San in die Höhlen. Darausist ein 90 minütiger Film entstanden, der nur einen Teil der umfangreichen medialen Berichterstattung ausmacht.

Die steinzeitliche Felskunst war der Ausgangspunkt des Projekts „Tracking in Caves“
Die steinzeitliche Felskunst war der Ausgangspunkt des Projekts „Tracking in Caves“
© Tracking in Caves

Auf den Spuren der Steinzeitmenschen

Mit steinzeitlicher Felskunst kennen sich Tilman Lenssen-Erz von der Forschungsstelle Afrika der Universität Köln und Andreas Pastoors vom Neanderthal Museum in Mettmann bestens aus. Doch Felsmalereien sind nicht alles, was die Steinzeitmenschen in ihren Höhlen hinterlassen haben. Neben archäologischen Objekten interessieren die beiden Forscher vor allem Abdrücke im plastischen Untergrund. Lenssen-Erz und Pastoors suchten darum einen Weg, um aus diesen Relikten weitere Schlüsse über die Steinzeit-Künstler zu ziehen. Sie machten sich auf die Suche nach ganz besonderen Experten für die Erkundung des Umfeldes der jungpaläolithischen Bildartefakte. Mit Hilfe von Dr. Megan Biesele vom „Kalahari Peoples Fund“ in Austin, Texas, USA, fanden sie hoch spezialisierte, afrikanische Jäger und Spurenleser sowie einen erfahrenen Übersetzer, mit denen sie verschiedene Höhlen in den französischen Pyrenäen untersuchten. Die Fährtenleser C/wi /Kxunta und C/wi G/aqo De!u sowie der Übersetzer und Spurenleser Tsamkxao Ciqae aus dem Örtchen Tsumkwe in der Kalahari-Wüste in Namibia begleiteten das Forscherteam im Juli 2013 knappe zwei Wochen durch die Tiefen der Steinzeithöhlen. Dabei trugen sie für den westlichen Betrachter schier Unglaubliches zu den Untersuchungen bei: Die San können über eine Person, von der sie nur wenige Abdrücke im Boden sehen, beispielsweise sagen, welches Alter und Geschlecht sie hatte, ob sie hinkte, welche Haltung und Geschwindigkeit sie hatte oder ob sie eine Last trug.

Nach der Projektplanung und der Bewilligung des Antrages auf Einzelförderung bei der DFG konnte es losgehen. Der Antragstitel lautete: „Lebensbilder eiszeitlicher Höhlenkünstler. Modelluntersuchungen zu Aktivitäten in Höhlenräumen im Kontext der Wandkunst.“ In der Kurzform heißt das Projekt „Tracking in Caves“, da es absehbar auch auf internationales Interesse stoßen würde.

Nicht nur in den Höhlen bieten die Pyrenäen dem Projektteam was fürs Auge
Nicht nur in den Höhlen bieten die Pyrenäen dem Projektteam was fürs Auge
© Tracking in Caves

Zu Gast in Südfrankreich

Im Département Ariège in Südfrankreich begann die Entdeckungstour durch die verschiedenen Höhlen, die fast alle am Fuße der Pyrenäen liegen. Manche von ihnen sind für Besucher nicht zugänglich, doch dank der Unterstützung des Comte Robert Bégouën erhielten die Forscher Zutritt.

Nicht mit allen Spurenfeldern hatte das Team den gewünschten Erfolg. Da die Höhle „Réseau Clastres“ nur mit Tauchgängen zugänglich wäre, mussten die Spurenleser sich mit einer Replik der Originale begnügen. Ein westliches Auge hätte es nicht bemerkt, aber die San ließen sich nicht täuschen. Es handelte sich um museale Nachbauten, nicht um Abgüsse, im Parc de la Préhistoire in Tarascon. Für die Forschung waren diese Spuren nicht verwertbar.

In die Höhle „Aldène“ konnten die Forscher gar nicht erst hinein. Sie ist die einzige, in der Helmpflicht herrscht und dafür war das Team nicht ausgerüstet. Helme sind in den anderen Höhlen ausdrücklich verboten, damit die Kunst an den Decken nicht versehentlich zerstört wird.

In anderen Höhlen gab es viele Spuren, die den Forschern neue Informationen lieferten. Insgesamt hat das Team Spuren von knapp 30 Menschen vom dreijährigen Kind bis zum sechzigjährigen Mann entdeckt und untersucht. In der Höhle „Pech Merle“ waren es nur ungefähr vier Quadratmeter, deren Auswertung schon während des recht kurzen Projekts komplett abgeschlossen werden konnte. Die Interpretation der Abdrücke durch die San dort erweiterte das bisherige Wissen über die Steinzeitmenschen erheblich. Statt der von Forschern bisher angenommenen einen, maximal zwei Personen, erkannte das Team fünf. Und diese vollführten keine rituellen Tänze, sondern gingen nur ganz normal und gemächlich.

Steinzeitliche Fußabdrücke in der Höhle von Niaux
Steinzeitliche Fußabdrücke in der Höhle von Niaux
© Tracking in Caves

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Die Höhle „Enlène“ ist besonders eng und schwierig begehbar. Das Team samt der Kameraleute von Arte musste im Wechsel krabbeln, gehen, klettern und wieder schauen. Vor allem die Höhlen „Fontanet“ und „Tuc d'Audoubert“ sind so groß und spurenreich, dass es darin noch immer viel Neues zu entdecken gibt. In der Höhle „Fontanet“ wartete auf das Team neben vielen Spuren auf kleiner Fläche eine große Entdeckung: Der Fußabdruck, der bislang als der einzige eiszeitliche und damit erste Abdruck eines Schuhs galt, stammt gar nicht von einem beschuhten Fuß! Die San waren sich sicher, dass der Mensch, der ihn hinterließ, barfuß gewesen sein muss.

Die größte Überraschung für Lenssen-Erz und Pastoors bot sich am letzten Tag in der Höhle „Tuc d'Audoubert“: Das Team besuchte ein breites Feld voller Fersenabdrücke. Bisherige Deutungen besagten, dass sie bei einem rituellen Tanz entstanden waren. Der westliche Betrachter hätte darin allenfalls ein – wie Lenssen-Erz es beschreibt – „sinnloses Wirrwarr“ gesehen. Doch die San konnten die tatsächliche Herkunft der Spuren rekonstruieren: Ein Mann und ein Junge liefen zu einem Loch, um Lehm zu holen. Dazu knieten sie sich auf den Boden. Nachdem sie den gesammelten Lehm weggetragen hatten, gingen sie nochmals zum Loch und danach wieder aus der Höhle hinaus. Die San vermuten, dass sie auf den Fersen gelaufen sind, um nicht erkannt zu werden.

In ihrer Heimat sind die San hauptsächlich Tieren „auf der Spur“
In ihrer Heimat sind die San hauptsächlich Tieren „auf der Spur“
© Tracking in Caves

Indigene Methodik ergänzt westlichen Wissenskanon

Doch gerade bei so alten Spuren gibt es auch Grenzen der „Lesbarkeit“. Dann scheint die Deutung der Spuren widersprüchlich: In Niaux sah es beispielsweise so aus, als habe dort ein Mädchen an einer Stelle aufrecht gestanden, doch die Decke ist dort viel zu niedrig, um aufrecht zu stehen. In solchen Fällen wollten die San keine abschließende, definitive Aussage machen sondern konnten nur Widersprüche konstatieren.

Die Diskussionen der San über die Deutung der Spuren an einer einzelnen Stelle dauerten oft bis zu einer Stunde. Mit Laserpointern ausgerüstet erörterten sie die kleinsten Details und fügten die Hinweise zu einer ganzen Geschichte zusammen. Die meisten Spuren in den Höhlen waren für sie gut zu lesen und es gab keine Zweifel an ihrer Deutung. Bei Unsicherheiten und unklaren Nuancen, vor allem aber, wenn sie sich nicht einig waren, schwiegen die San lieber. Sie gaben nur eindeutige Informationen weiter. Lenssen-Erz beschreibt die Vorgehensweise der San als „streng empirisch“ und staunt, wie sie sich „streng an Fakten und was sie sehen und verstehen halten“.

Nur noch wenige Menschen haben heutzutage die Fähigkeit, Spuren zu deuten. Die San lernen es von klein auf von ihren Vätern; die Kenntnisse werden von Generation zu Generation weitergegeben. Da die San früher von der Jagd mit dem Bogen lebten, was sie heute nur nebenher weiter betreiben, war das Lesen der Spuren für ihr Überleben außerordentlich wichtig. Für diese Art der Jagd müssen sie sich dem Tier bis auf nur 30 Meter Entfernung nähern. Diese Methode ist so schwierig, dass sie keinen Beschränkungen unterliegt, wie etwa die Jagd mit Gewehren. Außerdem dient das Fährtenlesen auch dazu, mit einem Blick auf den Dorfboden zu erkennen, welcher Bewohner vor wie langer Zeit in welche Richtung gelaufen ist, wie weit er sich demzufolge entfernt hat oder ob Fremde eingedrungen sind. Die San beherrschen das Spurenlesen so perfekt wie wir das Lesen von Schrift. Im Alltag beschäftigen sie sich hauptsächlich mit jungen, frisch entstandenen Spuren. Doch Neugier wie auch die pure Freude am Spurenlesen sorgten dafür, dass sie sich gerne an dem Forschungsprojekt beteiligt haben. Lenssen-Erz fasst ihre Begeisterung zusammen: „Fährtenlesen ist ihr Leben“. Und den Grund für ihre Beteiligung am Projekt mit „Hauptsache Spur“.

Unter Platzangst durfte das Team bei diesem Projekt nicht leiden: Manche Spuren erreicht man nur auf allen Vieren
Unter Platzangst durfte das Team bei diesem Projekt nicht leiden: Manche Spuren erreicht man nur auf allen Vieren
© Tracking in Caves

Gute Zusammenarbeit auch „unter Tage“

Lenssen-Erz und Pastoors freute besonders, dass die Zusammenarbeit trotz der völlig unterschiedlichen Welten, aus denen die Forscher und die San-Jäger stammen, sehr harmonisch, vertrauensvoll kooperativ und produktiv verlief. Und das, obwohl die Arbeit in den Höhlen oft sehr anstrengend und beschwerlich war. Viele Gänge waren sehr eng und das Team musste durch Matsch und Verengungen krabbeln. An vielen Stellen konnten die Forscher und die Jäger sich nicht aufrichten und mussten geduckt zu Werke gehen. Jeder Höhlenbesuch wollte wegen des weiten, unangenehmen Weges wohl überlegt sein. Pastoors hält es deswegen auch in zukünftigen Projekten kaum für möglich, an Arbeitstagen effektiv länger als einen halben Tag Forschungsarbeiten in den Höhlen zu betreiben.

Zukunftspläne für Steinzeitforschung

Bevor es jedoch an neue Projekte geht, werten die Wissenschaftler die Gesprächsprotokolle aus und hoffen auf viele weitere Informationen über die Diskussionen und Spuren. Bei der Übersetzung und Auswertung der Transskripte unterstützt die deutschen Forscher wieder ihre amerikanische Kollegin Megan Biesele.

Schon vor dem eigentlichen Projektstart in Frankreich gab es für die San in Deutschland Neues zu entdecken - wie die Bären im Kölner Zoo
Schon vor dem eigentlichen Projektstart in Frankreich gab es für die San in Deutschland Neues zu entdecken - wie die Bären im Kölner Zoo
© Tracking in Caves

Für die Zukunft denken Lenssen-Erz und Pastoors an ein ähnliches, aber größer angelegtes Projekt, das die erfolgten Forschungsarbeiten in den Pyrenäen ergänzt und vertieft. In vielen Höhlen gibt es zahlreiche Spuren, denen sich das Team in der Kürze der Zeit nicht widmen konnte. Die Erkenntnis, dass die Verschmelzung des westlichen mit dem indigenen Wissenskanon umfangreichere, detailliertere und sogar korrektive Ergebnisse liefert, stellt darüber hinaus viele bisher als Tatsachen anerkannte Entdeckungen in Frage.

Die San haben mit ihren Fertigkeiten und den ebenso herausragenden wie überraschenden Ergebnissen der Höhlenbesuche in den Pyrenäen bewiesen, dass sie fähig sind, weitaus mehr Informationen zu liefern als die westlichen Forschungsmethoden erlauben. Denn „Messen ist nicht Lesen“, wie Lenssen-Erz betont. Die Anerkennung ihres Fachwissens hat auch in Namibia bereits Früchte getragen. Im Heimatort der drei Jäger, Tsumkwe, soll Fährtenlesen nun als berufliche Ausbildung angeboten werden. „Wir gehen aufgrund unserer Ergebnisse davon aus, dass Spurenlesen als seriöse Wissenschaft anerkannt wird“, sagt Lenssen-Erz.

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