Gewinn durch Kooperation - die Fachinformationsdienste

Eine sehr sichtbare Veränderung im DFG-Förderhandeln sind die „Fachinformationsdienste für die Wissenschaft“ (FID), die die Sondersammelgebiete der DFG ablösen und darauf abzielen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aller Fachrichtungen in Deutschland unabhängig von ihrem Standort einen möglichst schnellen und direkten Zugriff auf Spezialliteratur und forschungsrelevante Informationen zu ermöglichen. Als bundesweites System ergänzen sie die Informationsinfrastrukturen der Hochschulen und Forschungseinrichtungen durch überregionale Dienstleistungen für den Spitzenbedarf.

Ansicht der Universitätsbibliothek Braunschweig
Ansicht der Universitätsbibliothek Braunschweig, die mit dem Fachinformationsdienst Pharmazie erfolgreich eine DFG-Förderung eingeworben hat.
© Universitätsbibliothek Braunschweig

So plausibel und praktisch sich dieser Ansatz liest, so komplex ist die Umsetzung. Für die im Dezember 2014 vom Hauptausschuss bewilligten fünf Fachinformationsdienste, die die DFG für drei Jahre mit insgesamt fast sechs Millionen Euro unterstützt, bedeutet die Zusage vor allem das Beschreiten neuer Wege. So sagt Katrin Stump, Bibliotheksdirektorin an der Technischen Universität Braunschweig und Mitantragstellerin beim FID Pharmazie: „Hier ist Innovation gefragt – nach Jahrzehnten der Förderung, in denen Anträge quasi Selbstläufer waren, bedeutet das einen großen Umbruch.“ Sie betont außerdem, dass die Universitätsleitungen sich zu einem solchen Antrag bekennen müssen. Franziska Voß, die den Antrag für den ebenfalls in der Dezember-Sitzung bewilligten FID Darstellende Kunst an der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main koordiniert hat, hält diese Förderung für das richtige Programm zur richtigen Zeit: „Die Fachinformationsdienste kommen in eine gute Phase, um die ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘-Mentalität in den Bibliotheken zu durchbrechen.“ Während die „klassischen Dienstleistungen“ genutzt wurden und werden, hätten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jedoch das Leistungspotential der Bibliotheken oft nicht in vollem Umfang genutzt. Gerade bei Forschungsanträgen können Bibliotheken laut Voß umfangreiches Know-How beitragen, das aufgrund einer Kommunikationslücke zwischen Infrastruktureinrichtungen und der Forschung beziehungsweise Lehre zu wenig Beachtung findet. Besonders positiv an dem Förderangebot sieht Voß die beantragbaren Personalmittel für die FID: „Ein klassischer Bibliotheks-Fachreferent kann eine solche Aufgabe kaum leisten.“ Dass die Sondersammelgebiete in den Fachcommunities oft kaum wahrgenommen wurden, berichtet auch Professor Ulrike Holzgrabe von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, die Mitglied für die Pharmazie im Fachkollegium Medizin der DFG ist und das neue Instrument als einen Gewinn für ihr Fach einschätzt.

Fachspezifische Angebote

Fachinformationsdienste sollen, wie der Name schon sagt, fächerspezifische Angebote machen. Wie das aussehen kann, zeigen die nun bewilligten Projekte exemplarisch. Beide setzen auf die stete Rückmeldung aus der wissenschaftlichen Community, beispielsweise durch Fokusgruppen oder durch einen wissenschaftlichen Beirat. Katrin Stump fügt hinzu: „Wir beziehen die Nutzerinnen und Nutzer früh in die Entwicklungen ein – ein Novum.“ Stefan Wulle, Fachreferent für Pharmazie und Chemie in der Universitätsbibliothek Braunschweig, nennt zusätzlich die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft (DPhG): „Die enge Zusammenarbeit mit den Fachgesellschaften ermöglicht uns, maßgeschneiderte Angebote für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu entwickeln.“ Fachkollegiatin Holzgrabe hält insbesondere den wissenschaftlichen Beirat für eine gute Sache. Darin sei mit Professor Knut Baumann auch ein theoretischer Pharmazeut eingebunden, der auf Datenbanksuchen spezialisiert sei: „Die Braunschweiger haben wirklich gut darauf geachtet, die Pharmazie und die angrenzenden Fächer wie die Chemie, die Biologie, die Technik- und die Geschichtswissenschaften abzudecken.“ Wie Wulle glaubt sie, dass andere Fächer vom Ansatz des FID profitieren können: „Vieles können die Chemiker 1:1 übernehmen. Die Molekularbiologen nutzen zwar andere Datenbanken, haben aber oft ähnliche Fragestellungen. Und auch für die Physik gibt es interessante Ansätze.“

Magazin der Universitätsbibliothek in Frankfurt am Main
Die klassische Bibliothek, hier ein Magazin der Universitätsbibliothek in Frankfurt am Main. Der Ansatz des Fachinformationsdienstes Darstellende Kunst geht darüber hinaus. 
© Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt/Main

Auch der FID Darstellende Kunst setzt auf enge Rückkopplung ins eigene Fach. Franziska Voß, selbst Theaterwissenschaftlerin, betont, dass sich die Bibliotheken öffnen müssen: „Wir haben eine Fokusgruppe mit elf Institutsleitern nach Frankfurt eingeladen, die in der Lehre und Forschung auf dem Gebiet der Darstellenden Künste tätig sind. Und tatsächlich sind alle gekommen.“ Das mag auch am Fach liegen, denn die Theater- und Tanzwissenschaften gewärtigen als „kleines Fach“ in Deutschland derzeit immer wieder Spardiskussionen. „Daher müssen die rund 14 großen Sammlungen und Archive im deutschsprachigen Raum sichtbarer werden, beispielsweise durch Anträge bei der DFG oder auf europäischer Ebene“, sagt Voß. Sie sieht den FID als Koordinierungsstelle für die engere Anbindung an die Fachwelt aber auch auf der Ebene der Infrastruktureinrichtungen: „In einer solch kleinen Community kennt man sich und hat Verständnis füreinander.“ Hier spielt das kleine Fach dem Angebot in die Hände – auf der anderen Seite sieht Voß die Gefahr, dass die Hochschulen gerade bei diesen Fächer den großen Aufwand für einen Antrag scheuen und sie auch in den Hochschulstrategien „übersehen“.

Einheitliche Katalogisierung

Die gesteckten Ziele können die FID nur mit Kooperation erreichen, denn „gerade für eine mittelgroße Universität mit begrenzten Ressourcen wie unsere gelingt vieles nur gemeinsam“, sagt Stump und nennt als Beispiel die Langzeitarchivierung, also die Bewahrung digitaler Materialien für die dauerhafte Verfügbarkeit in der Zukunft. Hier ist die Zusammenarbeit mit größeren Bibliotheken nötig. Aus ähnlichen Gründen arbeitet in Frankfurt der FID unter anderem mit dem Archiv der Akademie der Künste in Berlin zusammen. Laut Voß schließt die dort vorhandene Expertise in Erfassung und Katalogisierung eine Lücke: „In dem Antrag konnten wir auch Workshops beantragen, das ist auch sehr gut so. Wir werden uns unter anderem zwei Mal mit Vertreterinnen und Vertretern von Theaterarchiven treffen und auch einen gemeinsamen Verbundkatalog und gemeinsame Standards bei der Erfassung zu Vokabularien diskutieren. Denn jede Sammlung hat ein eigenes System, das auf die eigene Technik zugeschnitten ist.“ Dazu müssen neun wichtige Sammlungen und Archive an einen Tisch kommen und eine Lösung für die Katalogisierung finden.

Ein Kostümentwurf aus den 40er Jahren
Ein Kostümentwurf aus den 40er Jahren – So stellte sich Ludwig Sievert für eine Salzburger Aufführung die Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte vor
© Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt/Main

Wie komplex diese Fragestellung ist, erläutert Voß anhand der gesammelten Materialien. Denn für die Theaterwissenschaften liegt ein Schwerpunkt auf der Archivierung von Inszenierungsdokumenten und -materialien wie Theaterzetteln, Plakaten, Programmen, Modellen, Bühnenskizzen aber auch Probennotaten oder Regiebüchern. „Wie katalogisieren Sie ein Kostüm?“, illustriert Voß die Problematik. Andererseits will der FID aktuelle Aufführung im Bereich Theater, Performance und Tanz dokumentieren. So lautet ein Wunsch der Wissenschaft, Dokumente zu den Aufführungsprozessen der performativen Kunst zu sammeln und der Fachwelt zur Verfügung zu stellen – und diese sind laut Voß stets raum- und zeitgebunden. Das bedeutet für die Bibliotheken eine ganz neue Öffnung zur Materialität. Zusätzlich bietet es sich an, auch Theaterpraktiker einzubinden, die laut DFG-Definition keine erkenntnisgetriebene Grundlagenwissenschaft und mithin nicht-förderfähig sind. Auch die Frage, wie „artistic research“ einzuordnen ist, stellt sich laut Voß: „Diese Eigenheiten unseres Fachs haben wir im Fachinformationsdienst ernst genommen.“ Der Ansatz in Frankfurt: „Wir wollen alle möglichen Materialien bereitstellen – vor allem von Theatergruppen oder freien Künstlern. Denn bei uns sind sie besser aufgehoben als auf Omas Dachboden und schließlich auf dem Müll.“

Neue Ansätze

Dass ein „Weiter so“ nicht genügt, haben die Frankfurter in der ersten Runde der Ausschreibung zu den Fachinformationsdiensten zu spüren bekommen: Der erste Antrag wurde 2013 abgelehnt, für 2014 waren völlig neue Ideen gefragt. „Während wir zunächst noch näher an der seit 1949 gewachsenen Reservoirfunktion des Sondersammelgebietes Theater und Filmkunst geblieben sind, haben wir für den neuen Antrag den Fokus Theater und Tanz herausgearbeitet“, berichtet Voß. Unter anderem nahm dieser auch die Zeitschriften in den Blick, um Nachhaltigkeit zu sichern. Voß verweist unter anderem auf verschiedene Theaterformen, die sonst in Deutschland nicht abgedeckt seien: „Denken Sie an Gestentanz, der vielleicht auch in der Ethnografie zuhause sein könnte, oder auch an die umfangreiche graue Literatur, an die man nicht herankommt, wenn wir sie nicht bereitstellen.“

Mit Blick auf die nun bewilligten drei Jahre der Förderung weiß Voß, dass nicht alles gelingen kann: „Aber wir hoffen, Mittler und Übersetzer zwischen Wissenschaft und Bibliotheken zu sein.“ Dazu gehöre auch, den Fachleuten zu erklären, warum beispielsweise Inszenierungsmitschnitte mit Blick auf Urheber- oder Persönlichkeitsrecht problematisch sind. Zusätzlich muss die Frankfurter Bibliothek nun auch selbst für ihre Angebote werben. So tourte Franziska Voß 2014 zur zweijährlichen Tagung der Gesellschaft für Theaterwissenschaften; 2015 stehen zwei internationale Konferenzen auf dem Programm. Außerdem arbeitet das Team an einer Portal-Webseite, von der schon ein Entwurf existiert, und an einem Image-Film.

Eine Illustration zum Selbstverständnis des Fachinformationsdienstes Pharmazie
Eine Illustration zum Selbstverständnis des Fachinformationsdienstes Pharmazie
© Universitätsbibliothek Braunschweig

Informationen proaktiv anbieten

Der Braunschweiger Antrag verfolgte einen „Zangenansatz“, um passende Informationen proaktiv anzubieten: Eine traditionsreiche Bibliothek mit fundierten Kenntnissen und mit großer Erfahrung im Bereich Pharmazie durch das seit 1949 geförderte Sondersammelgebiet zusammen mit einer explizit einbezogenen, starken Informatik. „Eigentlich war mir das Thema egal. Die Anstöße müssen aus der Fachcommunity kommen“, erzählt Ko-Antragsteller Professor Wolf-Tilo Balke vom Institut für Informationssysteme der TU Braunschweig. Aber ohne Informatik kommen seiner Meinung nach moderne „Bibliotheken als Forschungseinrichtungen“ in Sachen E-Only-Angebote, „Patron Driven Acquisition“, Lizenzen für elektronische Publikationen oder eBooks nicht mehr aus. Den Beitrag seines Fachs zu der aus seiner Sicht für alle Seiten gewinnbringenden Zusammenarbeit definiert er so: „Wir sind weder ein Software-Haus noch Produktentwickler – Maschinenbauer stellen ja auch keine Autos her.“ Vielmehr entwickelt sein Lehrstuhl Prototypen auf Basis des zuvor erkannten fachspezifischen Bedarfs. Die Bibliothek steuert Lizenzen und Infrastruktur bei. Balkes Forschung beschäftigt sich mit der Semantik der Informationen, also was wie für einen inhaltsgetriebenen Dienst verknüpft werden muss. „Was beispielsweise nicht funktioniert, ist ein Service für die Chemie, der Informationen über die Summenformeln erschließt. Hier müssen grafische Informationen her“, beschreibt er die fachspezifischen Bedürfnisse. Er sieht einen Vorteil in der engen Rückkopplung: „Eine große Nutzer-Basis evaluiert die Ansätze und trägt „user experience“ bei.“ Das Schlüsselwort heißt „sandbox approach“, also der Test im Kleinen, ob sich ein Dienst bewährt. Falls ja, übernimmt die Bibliothek: Sie überführt den Prototyp in einen nachhaltigen Service für die pharmazeutische Forschung in Deutschland. So gewinnen beide Seiten, denn die Ressourcen für Softwareentwicklung gibt es in den Bibliotheken häufig nicht.

Zentrale Lizenzen für direkten Zugang

Außerdem setzt der Braunschweiger FID auf die Lizensierung elektronischer Medien. „Wir wollen diese Ressourcen zentral lizensieren und allen authentifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern direkten Zugang zur Spitzenliteratur bieten“, sagt Katrin Stump. Darüber hinaus gehe es aber auch um Dienstleistungen für kleinere Gruppen: „Die Pharmazeutische Biologie, Pharmazeutische Chemie und auch die Pharmazeutische Technologie benötigen beispielsweise jeweils maßgeschneiderte Services. ‚One size fits all‘ reicht da nicht mehr aus. Die Teildisziplinen brauchen beispielsweise unterschiedliche Forschungsdaten“. Für diese enthielt der Antrag Szenarien, die bibliografische Daten und Volltexte mit Forschungsdaten zu Molekülen, Proteinen oder Genen verknüpfen. „Das ist weit mehr als die Bücher – da müssen Datenbanken, Modelle, Videos oder ähnliche Softwareartefakte eingebunden werden“, beschreibt Balke die Herausforderung, „und das alles referenzierbar, zitierbar und nachweisüberprüfbar“. Für den Fachreferenten Wulle ist eine weitere wichtige Aufgabe des FID, die Fachcommunity bei Bedarf zu beraten, wie Primärdaten, die etwa bei Laborexperimenten in großer Zahl produziert werden, „in die Zukunft zu retten“ und auch über lange Zeit zu archivieren sind. Die Vernetzung der klassischen Publikationen mit weiteren Daten hält auch er für den richtigen Ansatz: „Die große Hoffnung ist, dass nun biologisch aktive Verbindungen mit chemischen Analysen, Strukturdaten und ähnlichem zusammen geführt werden.“

Das neue Instrument fordert nicht nur die Antragstellerinnen und Antragsteller – auch im Begutachtungsprozess müssen die Beteiligten umdenken. „Die Pharmazie wurde zum Beispiel zusammen mit der Veterinärmedizin und der Fischerei verhandelt“, berichtet Holzgrabe, „ich habe während der Panel-Sitzung viel gelernt.“ Gerade den Fachkollegien kommt eine neue Rolle zu, denn Expertenpools aus verschiedenen Bereichen sind für eine angemessene Begutachtung unabdingbar. Balke, der auch Mitglied des Senatsausschusses für die Graduiertenkollegs der DFG ist, schildert zusätzlich die zunächst ungewohnten Rahmenbedingungen: „Die Anträge für Fachinformationsdienste sind sehr interdisziplinär und außerdem gibt es bei Bibliotheken keine Publikationsleistung, die Gutachterinnen und Gutachter sonst gerne zu Rate ziehen.“ Darüber, dass der Umbau der Informationsangebote nicht von heute auf morgen geschieht, sind sich alle Beteiligten im Klaren. Stefan Wulle glaubt, dass „der Erfolg der Fachinformationsdienste von der Akzeptanz im jeweiligen Fach abhängt“. Ulrike Holzgrabe betont zusätzlich: „Hier geht es um mehr als Digitalisierung – es geht um Services.“ Oder wie es Balke formuliert: „Bibliotheken sind am schönsten, wenn man gar nicht merkt, dass sie da sind.“

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