Die Psychobiologie menschlicher Gewalt

Professor Thomas Elbert (m.) vor Ort
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© Thomas Elbert

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Professor Thomas Elbert (m.) vor Ort

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Thomas Elbert hat in seinem Forscherleben schon vieles gehört und gesehen. Doch mit manchen Erzählungen und Bildern aus seinen jüngsten Untersuchungen konnte auch er „erst nach einiger Zeit professionell umgehen“. Die Journalisten, die großes Interesse an Elberts Arbeiten haben, und die Zuhörer, die in großer Zahl zu seinen Vorträgen kommen, reagieren oft verstört, der eine oder die andere wird kreidebleich.

Verwunderlich ist das nicht, denn Thomas Elbert beschäftigt sich unter anderem mit Kindersoldaten in Ostafrika, die ihre Heimatdörfer niederbrennen, die Bewohner verstümmeln, töten und manchmal sogar verspeisen, oder mit Söldnern im Kosovo, die Vierjährigen die Finger abgeschnitten und sich diese an einer Kette um den Hals gehängt haben.

Was bringt Menschen dazu, ihresgleichen so etwas anzutun? Wie werden und wie sind sie zu solch an sich unvorstellbaren Exzessen bereit? Diesen Fragen geht Elbert in seinem Forschungsprojekt „Psychobiologie menschlicher Gewalt und Tötungsbereitschaft“ nach, das seit 2010 für fünf Jahre von der DFG an der Universität Konstanz gefördert wird.

Elberts Forschung wird von der DFG als „Reinhart Koselleck-Projekt“ gefördert: jenem Instrument, das es besonders ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ermöglicht, innovative und im besten Sinne „risikoreiche“ Projekte durchzuführen. Und das sind Elberts Untersuchungen gleich mehrfach: Sie verbinden Psychologie mit Biologie und damit auf transdisziplinäre Weise die Geistes- und Sozialwissenschaften mit den Lebenswissenschaften. Ein Standbein des Projekts ist die Hirnforschung im Konstanzer Labor, das andere sind Feldstudien im Osten Afrikas. Und untersucht werden sowohl die afrikanischen Kindersoldaten, die mit Maschinengewehr und Machete real und in aller Grausamkeit töten, als auch deutsche Durchschnittsbürger, die dies in Gewalt-Computerspielen virtuell am Bildschirm tun.

Die grundlegende Beobachtung ist hier wie dort dieselbe: „Alle Hemmungen sind abgebaut“, sagt Elbert, „es wird getötet, ohne mit der Wimper zu zucken.“ Noch weitreichender ist Elberts These: Die Veranlagung zu solch hemmungslosem Töten ist besonders jungen Männern immer und überall zu eigen. Der Neuropsychologe führt dies zum einen auf die Evolution der männlichen Hominiden zurück. Diese waren vor zwei Millionen Jahren ausschließlich Vegetarier, wurden dann aber zu Jägern und Fleischfressern. „Dabei erfuhren sie erstmals gewaltbezogene Reize wie Blut, Schmerz und Töten, und diese hatten alle eine belohnende Funktion“, erläutert Elbert. Damit gingen Veränderungen in der menschlichen Hirnstruktur einher, die auch heute greifen, beim Gemetzel am Bildschirm ebenso wie beim Überfall auf das Nachbardorf.

„Wir gehen davon aus, dass die frontokortikalen Kontrollsysteme und die von ihnen ausgehenden Hemmungen insbesondere der Amygdalae modifiziert werden“, sagt Elbert. Wie dies genau geschieht und wie Menschen so in einen regelrechten „Killer-Modus“ kommen, ist eines der zentralen Untersuchungsziele des Projekts. Ebenso im Blick sind die selbst traumatisierenden Erfahrungen, die etwa viele Kindersoldaten gemacht haben – und die am Ende die Bereitschaft zum Töten oft noch verstärken.

Mit der Erforschung der dem Menschen ureigenen Gewaltbereitschaft verbindet Thomas Elbert auch die Hoffnung, ihr besser begegnen, ja: sie, wenn irgend möglich, sogar regulieren zu können. Zwar stellt der Wissenschaftler fest, dass „bei den Kindersoldaten alle bisherigen Hilfsversuche gescheitert“ seien. Die psychobiologischen Ursachen der Tötungsbereitschaft wurden dabei jedoch zu wenig oder gar nicht berücksichtig.  Für Elbert ist es Grund zu vorsichtigem Optimismus, dass er den Tätern vielleicht tatsächlich einen Halt geben kann. Wobei sich der Begriff „Täter“ für ihn im Laufe seiner DFG-geförderten Forschungen deutlich relativiert hat: „Die da töten, sind so häufig selbst Opfer geworden, dass sich das eine nicht vom anderen trennen lässt.“

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© 2010-12 DFG Aktualisierungsdatum: 24.11.2011Sitemap  |  Impressum  |  Kontakt  |  RSS Feeds

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