Afrika auf der globalen Wissenschaftsbühne

"Next Einstein Forum" und Mathematik-Workshop führen ein internationales Publikum im März nach Dakar im Senegal

Hochkarätige Treffen im März 2016 in Afrika
Hochkarätige Treffen im März 2016 in Afrika
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Anfang März 2016 hat die DFG in Zusammenarbeit mit dem African Institute for Mathematical Sciences (AIMS) in Dakar einen Workshop für Mathematikerinnen und Mathematiker organisiert. Am Ende der Veranstaltung wurden fünf spezifische Themen der Mathematik ausgewählt, zu denen es in den nächsten drei Jahren weitere sogenannte Follow-Up-Workshops geben soll.

Auch bei der Organisation des „Next Einstein Forum“ spielte Mathematik eine maßgebliche Rolle – AIMS hatte die Konferenz wiederum organisiert, in Zusammenarbeit mit der Robert-Bosch-Stiftung. Der Anspruch ging hier jedoch weit über die Mathematik hinaus: Die afrikanische Wissenschaft insgesamt sollte endlich die globale Wissenschaftsbühne betreten. Dazu versammelten sich mehr als 800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Afrika und der ganzen Welt vom 8. bis 10. März 2016 in Dakar.

DFG-AIMS-Workshop im Senegal: „Die Sprache der Mathematik ist universell“

Der Workshop bot Raum zum Austausch
Der Workshop bot Raum zum Austausch
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Vereinzelte afrikanische Skulpturen. Sonst deutet nicht viel darauf hin, dass man sich hier in einer Hotellobby mitten in Dakar, der Hauptstadt des Senegal, befindet. Rund um Karaffen mit bunten Fruchtsäften gruppieren sich Männer und Frauen, deren Gespräche vornehmlich um ein Thema kreisen: Mathematik. Sie kommen gerade aus Workshop-Sessions mit Titeln wie „Statistical Modelling and Stochastics“ oder „Discrete and Algebraic Structures“.

In Dakar bringt die DFG am 6. und 7. März 2016 insgesamt etwa 30 deutsche und afrikanische Mathematikerinnen und Mathematiker zusammen. Der „DFG-AIMS-Workshop“ fungiert dabei als eines der offiziellen Pre-Events einer weit größeren Konferenz: dem Next Einstein Forum Global Gathering, das unmittelbar im Anschluss am 8. März beginnt. Das Next Einstein Forum versammelt zum ersten Mal Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Afrika an einem Ort und bildet so das erste globale Forum für afrikanische Forschung (dazu mehr im zweiten Teil des Dossiers).

DFG und AIMS organisieren Pre-Event

„Meine erste Begegnung mit AIMS war ein Round-Table-Treffen in Berlin im Sommer 2014 auf Einladung des BMBF“, erzählt DFG-Programmdirektor Dr. Frank Kiefer, einer der beiden zuständigen Fachreferenten. „Der damalige Leiter des AIMS-Büros in Deutschland, Arun Sharma, stellte uns dort die Ideen hinter AIMS und den aktuellen Entwicklungsstand dieser Initiative vor.“ AIMS, das ist das African Institute for Mathematical Sciences – gegründet wurde es 2003 von dem theoretischen Physiker und Astrophysiker Neil Turok in Südafrika. Seitdem wurden vier weitere AIMS-Zentren in Senegal, Ghana, Kamerun und Tansania errichtet, und bis 2023 sollen insgesamt 15 solcher Zentren entstehen. Jedes AIMS-Zentrum agiert dabei autonom und kooperiert mit regionalen sowie internationalen Universitäten. Ein Sekretariat koordiniert die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Zentren. An jedem Zentrum können afrikanische Studierende einen einjährigen Master in Mathematik erwerben, unter Anleitung von Gastdozenten aus der ganzen Welt.

„Nachdem AIMS über Jahre hinweg die Ausbildungsmöglichkeiten für angehende Mathematikerinnen und Mathematiker auf Graduierten-Niveau verbessert hat, will man nun daran gehen, auch die mathematische Forschung an diesen Zentren auszuweiten“, sagt Kiefer. „Und das war für uns als Deutsche Forschungsgemeinschaft der Punkt, an dem wir gesagt haben: Hier sehen wir konkrete Möglichkeiten für uns, um mit afrikanischen Forscherinnen und Forschern in Kontakt zu treten und zusammenzuarbeiten.“ Mit dem DFG-AIMS-Workshop versucht die DFG genau das: Auszuloten, welche Kooperationsmöglichkeiten es für Mathematikerinnen und Mathematiker aus Deutschland und Afrika gibt. „Die Grundidee hinter dem Workshop“, so Kiefer weiter, „ist, dass wir zuerst die mathematische Wissenschaftslandschaft Afrikas besser kennenlernen und dann in bestimmten mathematischen Themenfeldern verstärkt aktiv werden, also weitere, themenspezifische Workshops veranstalten oder – zu einem späteren Zeitpunkt – aktiv Kooperationen anbahnen, aus denen dann möglicherweise spannende gemeinsame Forschungsprojekte entstehen.“

DFG finanziert fünf Follow-Up-Workshops in den nächsten drei Jahren

Bereits im Vorfeld wurden deshalb insgesamt sechs Themenfelder abgesteckt: Mathematische Modelle in den Lebenswissenschaften, mathematische Modelle in der Physik, Optimierung, statistische Modellierung und Stochastik, Geometrie und Topologie sowie diskrete und algebraische Strukturen. Zu jedem Themengebiet lud die DFG je zwei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland und Afrika zur Teilnahme an dem Auftakt-Workshop nach Dakar. Gemeinsam erarbeiteten sie dort Konzepte für mögliche Follow-Up-Workshops in ihrem jeweiligen Themenfeld, besprachen mögliche konkrete Forschungsprojekte und erstellten Listen mit möglichen Teilnehmenden aus Deutschland und Afrika.

Gleich fünf solcher inhaltlich fokussierten Workshops wird die DFG in den nächsten drei Jahren finanzieren. Diese Entscheidung entspricht der Empfehlung eines gemeinsamen Steering Committees, das den Workshop im Senegal vor Ort wissenschaftlich begleitet hat. Die fünf Workshops sollen in den verschiedenen afrikanischen AIMS-Zentren stattfinden und ganz gezielt jeweils etwa 15 bis 20 deutsche und afrikanische Expertinnen und Experten zu den definierten Forschungsthemen zusammenbringen. So wird sich zum Beispiel der Workshop, der im Rahmen des Themas mathematische Modelle in den Lebenswissenschaften erarbeitet wurde, der mathematischen Modellierung von Malaria-Ausbreitung widmen.

Afrikanische Mathematikerinnen und Mathematiker: Viel Potenzial

„Wir sind mit dem Ergebnis dieses ersten Workshops zur Themenfindung sehr zufrieden“, sagt DFG-Programmdirektor Dr. Carsten Balleier. Er betreute den Workshop vor Ort in Dakar zusammen mit seinem Kollegen Kiefer. „Dass wir nun sogar fünf Follow-Up-Workshops organisieren – und nicht nur drei, wie ursprünglich angedacht -, zeigt, dass auf fünf mathematischen Fachgebieten in Afrika genug Expertise vorhanden ist, um mit deutschen Forscherinnen und Forschern auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten.“ Die afrikanischen Mathematikerinnen und Mathematiker seien zwar teils deutlich jünger als ihre deutschen Kollegen, hätten aber ein ähnliches Potenzial wie gleichaltrige Forscherinnen und Forscher in Deutschland. „Wir sind nun sehr gespannt, wie sich die deutsch-afrikanische Zusammenarbeit im Bereich Mathematik weiter entwickelt“, so Balleier. Die Kooperation der DFG mit AIMS könne zudem in Zukunft auch anderen Wissenschaftsbereichen als Vorbild dienen.

Beim Abschlussplenum des DFG-AIMS-Workshops am 7. März waren auch DFG-Präsident Professor Dr. Peter Strohschneider sowie Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, und AIMS-Direktor Professor Dr. Barry Green zugegen. In seinem Statement sprach Strohschneider die Universalität der Mathematik an – und wo diese dennoch an Grenzen stößt: „Die Sprache der Mathematik ist zwar universell – aber ist auch unser Denken universell? Die Zahlen mögen zwar überall auf der Welt die gleichen sein, aber benutzen wir sie auch in der gleichen Weise?“, fragte Strohschneider zu Beginn. „Ist unsere Beziehung zu Zahlen wirklich unabhängig von unserem kulturellen Kontext, unseren akademischen Traditionen und unseren analytischen Perspektiven?“

Darum geht es bei internationalen Kooperationen

Der Workshop habe das Gegenteil bewiesen, befand Strohschneider: Natürlich gebe es unterschiedliche Herangehensweisen, theoretische Konzepte und Methoden. „Der Workshop hat gezeigt, dass Wissenschaftler, die aus verschiedenen Wissenschaftssystemen kommen, sich bereits ganz unterschiedliche Fragen stellen und dann auch ebenso unterschiedliche Lösungsansätze verfolgen.“ Und genau darum gehe es bei internationalen Kooperationen: Gewinnbringend das Beste aus der intellektuellen Vielfalt und dem Pluralismus zu ziehen, den die verschiedenen Wissenschaftssysteme hervorbringen. „Dies gilt nicht nur im Bereich der Mathematik, sondern auch in jedem anderen Forschungsfeld“, so Strohschneider.

Erstes globales "Next Einstein Forum": Afrika auf der globalen Wissenschaftsbühne

Das
Das "Next Einstein Forum"
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Auch bei der Organisation des Next Einstein Forum Global Gathering (NEF GG), der bislang ersten afrikanischen Wissenschaftskonferenz spielte die Mathematik eine maßgebliche Rolle – organisiert wurde die Konferenz nämlich wiederum von der AIMS-Initiative (mehr dazu im ersten Teil des Dossiers). Die Konferenz drehte sich jedoch längst nicht nur um Mathematik, der Anspruch war ein anderer, größerer: Die afrikanische Wissenschaft insgesamt solle mittels NEF endlich die globale Wissenschaftsbühne betreten, so formulierten es die Organisatoren. Ihre provokante Frage: Warum soll der nächste Einstein nicht aus Afrika kommen? Um diese Frage zu beantworten versammelten sich mehr als 800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Afrika und der ganzen Welt vom 8. bis 10. März 2016 in Dakar. Darüber hinaus waren auch etliche Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Medien, Wirtschaft und Forschungsförderung vor Ort.

Viele fanden den Weg nach Dakar
Viele fanden den Weg nach Dakar
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„Keine Nation kann ohne Bildung und Wissenschaft eine nachhaltige Entwicklung anstoßen“

Im International Conference Centre Abdou Diouf außerhalb Dakars wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung von Senegals Präsident Macky Sall persönlich willkommen geheißen. Es sei eine Ehre für Senegal, Gastgeber dieser ersten Ausgabe des Next Einstein Forums zu sein, sagte Sall, denn: „Keine Nation kann ohne Bildung und Wissenschaft eine nachhaltige Entwicklung anstoßen“. Neben Senegals Präsident Macky Sall nahmen auch Ruandas Präsident Paul Kagame – 2016 soll das Next Einstein Forum in Ruandas Hauptstadt Kigali stattfinden – sowie die Wissenschaftsminister vieler weiterer afrikanischer Staaten an der Konferenz teil. Künftig solle mehr in Bildung und Forschung investiert werden, versprachen sie.

Tatsächlich sollen dies nicht nur Lippenbekenntnisse sein, denn auf dem Kongress wurde auch die „Dakar Declaration“ verabschiedet – dort heißt es, man glaube an die essenzielle Rolle der afrikanischen Wissenschaft, um den afrikanischen Kontinent zu einem führenden Mitglied der globalen wissenschaftlichen Community zu machen. Die Unterzeichner versprechen zudem, bis 2025 immerhin ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung zu investieren – in Afrika sind es in den allermeisten Staaten bislang deutlich weniger. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Wert bei 2,85 Prozent.

DFG-Präsident Strohschneider beim
DFG-Präsident Strohschneider beim "Next Einstein Forum"
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Wie lässt sich eine nationale Strategie zur Förderung der Wissenschaft entwickeln?

Ganz unabhängig von der Summe der staatlichen Investitionen – nicht minder wichtig ist es, eine durchdachte nationale Strategie zur Förderung der Wissenschaft zu verfolgen. Wie lässt sich eine solche Strategie entwickeln? Diese Frage beschäftigte im Rahmen des Kongresses ein Podium mit DFG-Präsident Peter Strohschneider, ERC-Präsident Jean-Pierre Bourguignon, NSF-Direktorin France Córdova und Molapo Qhobela, dem CEO der National Research Foundation aus Südafrika.

Auf die Frage, wie man denn die Innovationskultur in einem Land fördern könne, empfahl Strohschneider zuvorderst, erkenntnisgeleitete Grundlagenforschung und anwendungsorientierte Forschung nicht nur programmorientiert zu fördern. Dazu brauche es ausbalancierte, wissenschaftsgeleitete Entscheidungsverfahren.

Das Publikum
Das Publikum
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Córdova betonte, dass Forschung – Grundlagenforschung zumal – einen langen Atem erfordere. Der Südafrikaner Qhobela wiederum stellte klar, dass nationale Strategien zur Forschungsförderung nicht im luftleeren Raum entstehen könnten, sondern einen politischen Kontext bräuchten. Die Wissenschaft müsse Teil einer politischen Strategie sein, die insgesamt mehr in Infrastruktur und Bildung investiere.

Die musikalische Einstimmung
Die musikalische Einstimmung
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Pan-afrikanische Vernetzung stärken

Bereits zuvor hatte die DFG in einer von ihr im Rahmen des NEF organisierten „Closed Session“ mit Wissenschaftsministern und führenden Vertreterinnen und Vertretern von Förderorganisationen aus ganz Afrika die Frage angesprochen, wie sich nachhaltige wissenschaftliche pan-afrikanische Kooperationen anbahnen lassen: „Wir möchten hier diskutieren, wie die Beziehungen zwischen afrikanischen Regierungen, Institutionen und anderen globalen Organisationen im Bereich Wissenschaft und Forschung gestärkt und vertieft werden können“, sagte DFG-Präsident Strohschneider zu Beginn.

Er machte deutlich, dass auch die DFG sehr an Kooperationen zwischen afrikanischen und deutschen Forscherinnen und Forschern interessiert sei. „Besuchen Sie Wissenschaftsorganisationen im Ausland, besuchen Sie die DFG, damit wir gemeinsam neue Förderprojekte anstoßen können“, rief Strohschneider den Anwesenden zu. Erste Schritte zu einer besseren Vernetzung afrikanischer Forschungsförderorganisationen sind bei einem Treffen in Deutschland Ende April unternommen worden.

Zusatzinformationen

Das AIMS-Zentrum im Senegal

Die Senegal-Filiale des African Institute for Mathematical Sciences wurde im September 2011 in der Küstenstadt Mbour, etwa 80 Kilometer südlich der Hauptstadt Dakar, eröffnet. Genau wie in anderen AIMS-Zentren auch soll hier im Senegal ein internationales Exzellenzzentrum der Mathematik entstehen, gekennzeichnet insbesondere durch eine pan-afrikanische Perspektive.

Vor Ort gibt es einen Forschungslehrstuhl, der von der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) finanziert wird. Zudem bietet der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) zusammen mit AIMS Senegal ein PhD-Programm an.

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