„Wir wollen Lehrer unterrichten“

Heike Wiese
Heike Wiese
© Universität Potsdam

Heike Wiese, Professorin für Sprachwissenschaft an der Universität Potsdam, forscht zu Sprachvariationen im Gegenwartsdeutschen. Ihr Forschungsinteresse gilt dabei unter anderem den Spracheinstellungen. Ein Beispiel ist das sogenannte „Kiezdeutsch“ – ein Dialekt, der von Jugendlichen in multiethnischen Wohngebieten Deutschlands gesprochen wird. Dieser wird in der Bevölkerung häufig als „falsches“ oder „schlechtes Deutsch“ verurteilt, seine Sprecherinnen und Sprecher sozial abgewertet. Diesen Abwertungen will Heike Wiese mit ihrer Arbeit im Transferprojekt entgegentreten. Dabei geht es ihr vor allen Dingen um eine Veränderung der Spracheinstellung von sozialen Akteuren wie beispielsweise Lehrerinnen und Lehrern, die wesentlichen Einfluss auf die Bildungsbiografien von Kindern und Jugendlichen nehmen.

Frau Wiese, wie kam es zum Transferprojekt?
Im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Thema Kiezdeutsch, das ich innerhalb des Sonderforschungsbereichs (mit dem Titel „Die sprachlichen Mittel der Gliederung von Äußerung, Satz und Text“; dort ist auch das Transferprojekt angesiedelt, Anm. d. Redaktion) durchgeführt habe, hat sich mir der Bereich Spracheinstellung intensiv erschlossen: In der Soziolinguistik spricht man von einer Standardsprachenideologie, die in Deutschland besonders ausgeprägt ist und die ich in zahlreichen Reaktionen auf unsere Forschungsergebnisse in der öffentlichen Diskussion sehen konnte. Standard ist, was als standardsprachlich gilt; „falsches“ Sprechen wird gleichgesetzt mit mangelnder Kompetenz. Hier habe ich einen Ansatz für einen Transfer meiner Ergebnisse zu urbaner Sprachvariation gesehen. Außerdem war es nur folgerichtig, in der letzten Phase des Sonderforschungsbereichs die langjährige Forschung nun auch anzuwenden. Und schließlich war es mir auch ein persönliches Anliegen: Die oft aggressiven und zum Teil xenophoben E-Mails, die ich als Resonanz auf meine Kiezdeutsch-Forschung bekommen habe, die Hasstiraden, die sich im Internet über bestimmte Sprechergruppen ergießen – das hat mir einfach keine Ruhe gelassen. Meine Überlegung war, dass man am meisten im Bildungsbereich bewirken kann, weil hier Weichen für die berufliche Zukunft und gesellschaftliche Teilhabe von Kindern und Jugendlichen gestellt werden.

Was ist das Ziel des Transferprojekts?
Sprachvariationen, insbesondere das sogenannte Kiezdeutsch – ein umgangssprachlicher Dialekt, der in multiethnischen Wohngebieten in Deutschland gesprochen wird – werden negativ wahrgenommen und bewertet. Das zeigt sich auch bei Lehrerinnen und Lehrern und Erzieherinnen und Erziehern. Die Schule hat eine ganz starke Fokussierung auf der monolingualen Standardsprache: „Gut“ ist nur das Standarddeutsche, Kompetenzen in anderen sprachlichen Varianten und Sprachen werden oft nicht als solche wahrgenommen. Dabei sind auch Nichtstandardvarietäten in sich stimmig und folgen komplexen Regeln. Die Sprecherinnen und Sprecher sind aber massiv sozialen Abwertungen und Vorurteilen ausgesetzt. Diese Vorurteile wollen wir abbauen. Dazu entwickeln wir im Projekt Fortbildungsmodule.

Wie sehen diese Fortbildungsmodule genau aus?
Wir wollen die Lehrerinnen und Lehrer unterrichten. Die von uns entwickelten Unterrichtsmaterialien sind für die Trainerinnen und Trainer von Lehrpersonal konzipiert und sollen ihre Einstellungen gegenüber sprachlicher Variation und Mehrsprachigkeit verändern.
Es gibt inhaltlich drei Säulen in unserem Konzept: Spracheinstellung, Sprachgebrauch und Sprachstruktur. Die Materialien sind ganz unterschiedlich, es gibt Lehrfilme, Karten, Interviewdaten, Rollenspiele etc. Ein Beispiel zur Sprachstruktur ist der possessive Dativ („Das ist der Mutter ihr Hut“). Hier sehen die Lehrer, dass es innerhalb der Dialekte systematische Strukturen gibt, die relativ komplex und auch bekannt sind. Wir können hier mit dem Vorurteil aufräumen, Dialekte seien einfachere, falsche Versionen des Standarddeutschen. Richtig und falsch gibt es sowohl im Standarddeutschen als auch in Dialekten. Beim Thema Sprachgebrauch geht es vor allem darum, wie man in unterschiedlichen Situationen spricht, ob formell oder informell, in mündlichem oder schriftlichem Kontext. In den Materialien zu Spracheinstellungen wiederum erleben die Lehrerinnen und Lehrer an sich selbst das negative Wirken von Stereotypen, zum Beispiel in Rollenspielen. Oder sie probieren an Beispielen aus einem Film aus, wie negative Bewertungen zum Sprachgebrauch eines Schülers wiederum die Erwartungen an seine Leistungen in anderen Fächern negativ beeinflussen.

In Transferprojekten werden gemeinsam mit Partnern aus der Praxis grundlagenwissenschaftliche Erkenntnisse weiterentwickelt. Wie gestaltet sich Ihre Kooperation mit den Anwendungspartnern?
Wir sind mit einer Sekundarschule gestartet, die ich aus mehreren Projekten zur Jugendsprache, auch im Rahmen des SFB kenne. Im Laufe der Zeit sind noch eine Primarschule und ein Kindergarten hinzugekommen, was sich als sehr nützlich erweist. Sie sind unsere konkreten Praxispartner. Hier führen wir einige der Fortbildungen durch und vor allem auch die Unterrichtsanwendungen, das heißt, die Lehrerinnen und Lehrer testen die Materialien, die wir als Weiterführung für den Unterricht in der Schule entwickelt haben, und geben uns Rückmeldungen. Die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft ist vor allem ein wertvoller organisatorischer Partner und wird uns bei der deutschlandweiten Distribuierung unterstützen. Sie hilft uns teilweise auch bei der Organisation der Fortbildungen. Ein weiterer wichtiger Partner ist die „Werkstatt Integration durch Bildung“ in Berlin. Das ist eine öffentliche Einrichtung, die alle Akteure in Berlin zusammenbringt, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Sie unterstützt uns mit ihrem großen Netzwerk. Mit der gesamten Projektgruppe finden regelmäßige Treffen statt. Dort stellen wir grundsätzlich allen auch unsere Materialien vor und erhalten wertvolle Impulse. In Lehrerfortbildungen in Berlin und Potsdam evaluieren wir die Materialien dann und überarbeiten sie gegebenenfalls.

Wie ist der aktuelle Stand des Projekts?
Die Unterrichtsmaterialien für die Weiterbildung an Kindertagesstätten und Sekundarstufen sind bereits fertiggestellt und evaluiert. Zurzeit laufen die Praxistests für die Materialien, die wir für die Primarstufe entwickelt haben. Alle fertigen Materialien stehen zusammen mit Trainerhandbüchern und weiterführenden Beschreibungen auf einer benutzerfreundlichen Website zur Verfügung, die wir im Moment aufbauen. Die Website richtet sich deutschlandweit an das Lehrpersonal selbst, aber vor allem auch an Trainerinnen und Trainer, die damit weitere Lehrerfortbildungen durchführen können. Denn das Projekt soll ja nicht damit enden, dass wir keine Fortbildungen mehr durchführen! Mit ein, zwei Fortbildungen ändert man ja nichts.

Der spezifische Erkenntnistransfer der DFG zielt auf einen wechselseitigen Nutzen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft (Wirtschaft oder öffentlicher Sektor). Idealerweise regt er neue wissenschaftliche Fragen an. Können Sie zu diesem Zeitpunkt schon sagen, ob es aus Ihrem Transferprojekt neue Impulse für die sprachwissenschaftliche Forschung gibt beziehungsweise geben wird?
In den USA und Großbritannien gehört es in der Soziolinguistik zum guten Ton, der Sprechergemeinschaft etwas zurückzugeben. Dort gibt es zum Beispiel die sogenannten „dialect awareness programs“, die auf Schulen – nicht auf Lehrerfortbildungen – zugeschnitten sind und in Deutschland noch relativ wenig verbreitet sind. Mit dem Transferprojekt kann man dieses Thema voranbringen. Ich denke, es gehört im Bereich der Linguistik einfach dazu, dass man die Ergebnisse zu sprachlicher Einstellung wieder in den Bildungsbereich zurückbringt. Und dafür ist das Transferprojekt da. Meinem Team und mir haben sich auch neue Methoden und neue Informandengruppen erschlossen, mit denen wir jetzt zusammenarbeiten. Daraus wird ein neues Projekt mit einer Doktorarbeit entstehen, wo das Repertoire von Sprechern, die auch Kiezdeutsch sprechen, genauer erforscht werden soll. Außerdem arbeite ich gerade am Aufbau einer Kooperation mit Namibia, dort werden wir wieder dieselbe Methodik nutzen, um das „Nam-Deutsch“ – einen Dialekt, der von Deutschnamibiern gesprochen wird – zu untersuchen.

Wie lautet Ihr persönliches Resümee nach der Hälfte der Projektlaufzeit?
Ich hatte zunächst erwartet, dass der persönliche Nutzen eher gering sein würde für meine sprachwissenschaftliche Forschung. Das ist aber nicht so. Das Transferprojekt ist eines meiner zeitaufwendigsten Projekte, aber auch eines meiner spannendsten und befriedigendsten. Aber es gehört auch schon etwas Idealismus dazu! Ich bin über die Forschung zur Sprachvariation zur Soziolinguistik gekommen, ein ganz neues Feld für mich. Ich kombiniere jetzt beides, und das ist sehr spannend. Außerdem bringt die Arbeit im Transferprojekt eine Fülle interessanter Daten zur Spracheinstellung, die der Forschung zur Verfügung gestellt werden können. Und ich konnte mir neue didaktische Felder erschließen, was sich für meine Lehre als ausgesprochen nützlich erweist.

Worin besteht für Sie die Attraktivität der Transferförderung, des Förderinstruments „Erkenntnistransfer“?
Ein Projekt, in dem man ganz konkret etwas aus seinen Ergebnissen in die Praxis zurückgeben kann, ist eher die Ausnahme in der Geisteswissenschaft; so etwas wäre kaum finanzierbar. Ich denke, dieses Förderinstrument schließt eine Lücke in einem Bereich, der für die praxisbezogene Nachhaltigkeit unserer Arbeit ganz wichtig ist. Für mich war es ein Glücksfall, dass ich ein solches Transferprojekt beantragen konnte und dadurch etwas tun konnte, das mir für den Bereich der Sprachvariation neben meiner Forschung im Kernbereich der Linguistik sehr am Herzen lag.

Zusatzinformationen

Steckbrief

Projekttitel
Aus- und Fortbildungsmodule zur Sprachvariation im urbanen Raum: Dialekte, Mehrsprachigkeit und die Frage nach dem „richtigen Deutsch“
Transferprojekt im SFB 632: Die sprachlichen Mittel der Gliederung von Äußerung, Satz und Text, gefördert seit 2011

Fachliche Zuordnung
Sprachwissenschaften (Soziolinguistik)

Wissenschaftlicher Partner
Prof. Dr. Heike Wiese, Universität Potsdam

Anwendungspartner
Hector-Peterson-Schule
Nürtingen Grundschule
Kita Komşu
Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft
Werkstatt Integration durch Bildung (WIB)

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